Die Bremer Stadtmusikanten

Es waren einmal ein Esel und ein Müller. Der Müller ließ den Esel Säcke schleppen. Das Korn vom Bahnhof zur Mühle. Schwere Säcke mit Mehl zum Bahnhof zurück. Der Esel bekam grad so viel zu essen, zu trinken und einen Stall zum Ausruhen, dass er am nächsten Tag wieder zum Säcke schleppen in der Lage war. Den Wert, den der Esel dem Korn hinzugefügt hatte, den behielt natürlich der Müller. Denn er konnte ja bestimmen über seine Mühle, sein Korn, sein Mehl. Und als der Esel drei mal laut „I.-A!I-A!I-A!“ rief, sollte das heißen:“Ich brauche mehr Heu zum Sattwerden und mehr Zeit zum Ausruhen!“ Das verstand der Müller natürlich nicht. Welcher Mensch versteht schon die Esel-Sprache. Der Müller dachte nur für sich: „Wenn der Esel mal nicht mehr kann, es stehen draußen 10 Esel bereit. Sie fressen nur den billigen Harzer Käse und arbeiten gerne für noch weniger Lohn und würden auch noch länger bis in den späten Abend hinein meine Säcke schleppen.“

So vergingen die Jahre und der Esel wurde alt. Heimlich hatte er daran gearbeitet, die zwei Töne die er singen konnte, nämlich I und A um weitere Töne zu bereichern. Da jagte der Müller den Esel zur Mühle heraus. Ausgebrannt vom Säckeschleppen für den Müller, der immer reicher und fetter wurde, beschloss der Säckeschlepper, in die Stadt Bremen zu ziehen. Er hatte gehört, dort kann man als Stadtmusikant ein wenig Geld verdienen. Und mit wenig satt werden, das hatte er ja gelernt. Er freute sich über seine Idee: Andere unterhalten und gleichzeitig etwas zu seinem Unterhalt zu verdienen. Mit leicht tanzenden Schritten machte er sich auf nach Bremen und übte IA in immer mehr Tonlagen.

Am Ende des nächsten Dorfes saß ein magerer, geprügelter Hund. „Was jaulst du, alter Kläffer?“ fragte ihn der Esel. „Ach, mein Chef hat mich raus geworfen. 20 Jahre war ich ihm ein guter Wächter. Verantwortlich für die Sicherheit seines Schlosses. Ein Räuber ist er! Er hat mich um die besten Jahre meines Lebens gebracht. Nun wacht ein junger Welpe einer Fremdfirma für die halbe Wurst pro Tag und in der Nacht dazu.“ Der Esel riet ihm: „Komm mit nach Bremen. Deine jaulende Stimme rührt das Herz reicher Damen. Wir versuchen unser Glück als Stadtmusikanten. Das ist allemal besser als dies elende Leben.“ Kaum zu ende gesprochen, war der Hund auf den Rücken des Esels gesprungen und beide machten sich auf in die Hansestadt Bremen, wo die reichen Pfeffersäcke regieren.

An der Alten Brauerei des übernächsten Ortes stolperte der Esel fast über eine im Staub liegende Katze. Sie fauchte ihn an: „Du dummer Esel, siehst du nicht, dass ich mich ausruhe! Da plagt man sich sein ganzes Leben lang, hält die Brauerei mäusefrei, kann sich gerade noch vor dem Ertränkt werden durch den gefräßigen Brauereibaron retten und da wird man von einem Esel in den Staub getreten.“ „Entschuldigen se, meine sehr verehrte Dame. Schimpfen sie mal nicht über mich. Bin ich der Verursacher deines Elends? Komm lieber mit nach Bremen. Dein Fauchen passt zu unserer Musik. Das hört die Jugend heutzutage gern.“ Gesagt, getan, trottete die Katze halb widerwillig mit nach Bremen. Ehrlich gesagt, traute sie dem Hund noch nicht so recht über den Weg. Zu oft hatten Hunde sie gehetzt aus übereifrigem Gehorsam ihrem Herrchen gegenüber. Doch nach einem Tag und einer Nacht konnte auch der Hund die alte Gewohnheit überwinden, Katzen zu jagen.

Da begegneten sie einem schrecklich zerzausten Hahn auf einem übel riechenden Misthaufen. Sein Gekrähe glich eher einem Gekrächze als dem stolzen Ruf aus den Zeiten seiner Jugend. Er hatte das dumme Gefühl, sein Bauer meint, er habe genug Hühner zum Kükenkriegen gebracht und wäre nun reif, gegrillt zu werden bevor sein Fleisch allzu zäh geworden sein würde. Was lag da näher als sich den Dreien anzuschließen und etwas Neues zu probieren? „Du wirst alt wie ne Kuh und lernst immer noch dazu!“ hatte ihm seine Mutter schon als kleines Küken mit auf den Weg gegeben. So waren sie nun zu viert. Und jeder brachte mit, was er gut konnte. Der Esel schleppte die schlapp Gewordenen. Der Hund meldete Gefahren. Die Katze brachte mit ihrem Geschnurre und Geschmuse etwas Liebevolles unter die vier. Und der Hahn flatterte abends hoch auf einen Baum und hielt Ausschau in Richtung Ziel.

„Kikkerikiii! Ich sehe ein Haus. Ein Fenster mit Licht. Der Schornstein raucht. Vielleicht finden wir dort einen Platz zum Schlafen und eine warme Suppe!“ Obwohl sie saumüde waren, ließen sich die drei fast schon Schlafenden das nicht drei mal sagen. Am Haus angekommen wollte der Hund gleich hinein stürmen und die Bewohner heraus jagen. Doch die Katze mahnte zur Vorsicht. Sie war es gewohnt, ihr Opfer erst genau zu erforschen. So nahmen sie ihre bewährte Position ein: Unten der Esel, darauf der Hund, auf ihm die Katze und hoch hinauf flatterte der Hahn. Was sie sahen war sensationell. „Die sehen aus wie Räuber. “ sagte der Esel. „Nein,“ meinte der Hund. „Da auf dem weichen Sessel sitzt ja mein alter Herr, der mich verjagt hat.“ Die Katze flüsterte aufgeregt: „Und an den besten Speisen der Welt vergnügt sich mein Brauereibesitzer, der mir immer vorgejammert hat, er könne mir keinen besseren Lohn zahlen.“ „Das ist doch nicht möglich,“ platzte da der Esel heraus. „Der da in der Super-Luxus-Badewanne ist mein Müller. “ Ob das nun Räuber sind oder ihre alten Herren, darüber konnten sie sich zunächst nicht einig werden. Bis der Hahn dank seines weiten Blickes folgende Sichtweise vorschlug: „Unsere Herren sind Räuber.“

Gestärkt durch diese Erkenntnis begannen sie ein ohrenbetäubendes Punk-Konzert. Stürmten in das Haus. Die Herren Räuber flüchteten in Panik. Ach war das schön! Die Vier aßen sich satt, badeten den Schmutz der Straßen von ihren Leibern, schliefen sich gesund und kamen wieder zu Kräften.

Als der Esel auch nach dem Ausschlafen schläfrig war und ziemlich pummelig wurde, bemerkte der Hund: „Es wäre nicht das erste Mal, dass die Herren Räuber nicht versucht hätten zurück zu kommen und ihre alten Besitztümer zurück forderten. Also seid wachsam. Wer einen Sieg errungen hat, sei doppelt wachsam. Das habe ich von meinen Vorfahren gelernt.“ Die Katze wusste auch sogleich, wie man schlafen und trotzdem wachsam sein kann.

Und tatsächlich. Eines nachts kam eine dunkle Gestalt zurück in das Haus, das nunmehr als Haus der Stadtmusikanten weltberühmt war.

Der Räuber fand alles still. Nur zwei Funken glühten am Herd. Und als er daran ein Streichholz anzünden wollte, waren es die Glutaugen der Katze. Sie sprang ihm ins Gesicht als wäre sie der Teufel selber. Als der Räuber -es war allem Anschein nach der Müller- am Sofa vorbei kam, lauerte dort längst der Hund und biss ihm in die Waden. Auf diese Wurst hatte er sich gefreut. Der Müller rannte aus der Tür … Er stolperte über eine Mistgabel und bekam einen kräftigen Tritt in sein Hinterteil vom Esel, der nun auch vom Krach geweckt worden war. Der Hahn reckte seinen roten Kamm dem Licht des Mondes entgegen und krähte das schönste Kikerikiii!! seines Lebens.

Wie ein quiekendes Wildschweinbaby rannte der Räuber zurück zu seinen Kumpanen und berichtete außer Atem: „Ein glühender Teufel kratzte mir in der Küche die Augen aus. Auf dem Sofa haute mir ein Monster seine Zangen in die Waden. Was dann geschah, war so furchtbar, dass ich es gar nicht in Worte fassen kann.“

Den Musikanten gefiel es in dem Haus so gut, dass sie dort blieben bis an ihr Lebensende. Sie arbeiteten gemeinsam, jeder nach seinen Fähigkeiten. Sie aßen gemeinsam, jeder nach seinen Bedürfnissen. Sie musizierten zusammen und luden Tiere aus aller Herren Länder ein. Und wenn sie es brauchten, zogen sie nach Bremen um dort die Leute auf dem Marktplatz zu unterhalten und ihnen davon zu singen wie man erfolgreich kämpfen kann.

Und wenn sie nicht gestorben sind und es immer noch räuberische Herren gibt, dann singen und kämpfen sie noch heut. Und zwar alle gemeinsam: Der Esel, der Hund, die Katze und der Hahn.

Karl Nümmes 2015

In Bremen sah ich einen Stadtführer, der dies Märchen erzählte und alle fast 100 Zuhörer mussten immer wenn der Name eines der Tiere erwähnt wurde, das jeweilige „singen“ lassen. Am Ende alle gemeinsam. Viel Spaß 😉
Wer Verbesserungsvorschläge hat für diesen Text: Immer her damit!